Das erste Barcamp des Verbands für Klopfakupressur e.V. fand am 16. März 2013 in Berlin im Rahmen des jährlichen Anwendertreffens statt. Hier mein Bericht über eine sehr inspirierende und bereichernde Veranstaltung für alle Beteiligten.

Die Ausgangslage war zunächst wenig ermutigend. Nachdem wir auf der Tagung im letzten Jahr deutlich über 30 Teilnehmer hatten, waren wir nur 16 Teilgeber (Barcamp-Jargon für Teilnehmer - wegen ihrer gewöhnlich sehr aktiven Beteiligung). Ich hatte vorher irgendwo gelesen, dass für ein Barcamp minimal ca. 30 Teilgeber gebraucht werden. Außerdem waren sich offenbar Viele nicht darüber im Klaren, dass sie selbst die Chance haben, Sessions anzubieten und damit das Treffen inhaltlich aktiv mitzugestalten. Wenn sie das gewusst hätten, dann hätten sie sich vorbereitet. Na prima! Ich war jedenfalls entschlossen, in meiner Funktion als Moderator des Barcamps das Beste aus der Situation zu machen.

Nach der kurzen Vorstellungsrunde war ich gespannt, ob wir überhaupt genug Themen zusammen bekommen würden. Diese Hürde konnten wir gerade so nehmen, es kamen 9 Sessionvorschläge zusammen. Einer davon stieß auf Null Interesse, sodass wir zwei Sessionstränge mit je 4 Sessions planen konnten. 8 Sessions bei 16 Teilgebern - das lies mich erstmal hoffen.

Das Barcamp verlief dann aber nicht so wie geplant.

Nachdem ich - praktisch als Einziger - Twitter nutzte, um spannende Beiträge aus "meiner" Session in Stichworten an den Rest der Welt mit Hashtags wie #Klopfakupressur, #Kriegskinder, #Kriegsenkel und #Trauma weiterzugeben, wurden die Ersten neugierig (Neugier ist der Motor des Lernens, und Lernen ist ja nicht zu verhindern ;-). Obwohl bereits die erste Sessionrunde wegen des großen Interesses an den Themen schon deutlich länger als geplant dauerte, entschlossen wir uns, zusätzlich eine "Wie-benutze-ich-Twitter-Session" zwischen verschobener Mittagspause und der noch weiter verschobenen Nachmittags-Sessionrunde einzuschieben.

Ein Beamer wurde organisiert. Ich hielt die freundliche Mitarbeiterin des Bio-Hotels, die den Beamer brachte, aufgrund ihres Namensschildes (es war auf den ersten Blick genauso gestaltet wie unsere) versehentlich für eine Teilgeberin unseres Barcamps. Ich hieß sie in vertrautem "Du" als Nachzüglerin in unserem Kreise willkommen und bot ihr einen Stuhl an, den sie dann aber unter dezentem Hinweis auf vorrangige beruflichen Verpflichtungen nicht in Anspruch nahm. Später fragte sie mich in einer Pause im Foyer, worum es denn in unserer Tagung ginge. Ich nutzte die originelle Gelegenheit, Klopfakupressur in der Kurzform eines Elevator-Pitch (eine verständliche Beschreibung in wenigen Sekunden) einer interessierten Personen bekannt zu machen.

Zurück zum Ablauf: Ich bemühte mich - völlig unvorbereitet - zu erklären, wie man sich bei Twitter anmeldet und anschließend im Barcamp sinnvoll nutzt. Im Nachhinein betrachtet war es ein Fehler, dies als Plenumsveranstaltung anstatt in Form einer Session innerhalb des Barcamps anzubieten. Für diejenigen, die nicht twittern konnten oder wollten, wurde dieser Abschnitt nämlich schon nach wenigen Minuten langweilig, verwirrend und zunehmend nervig. Durch den zwingenden Charakter des Plenums ohne Ausweichmöglichkeit fühlten sie sich berechtigterweise nicht miteinbezogen. Nach einigen den Sinn des Ganzen infrage stellenden Einwürfen musste ich mehr oder weniger unverrichteter Dinge meinen Spontanworkshop abbrechen.

Diese Erfahrung zeigt mir, welchen Einfluss die Rahmenbedingungen auf Lernen und Entwicklung haben. Das Barcamp-Format garantiert aufgrund der Freiheit, nach Belieben die Session zu wechseln, sodass jede Session ausschließlich von interessierten Teilgebern getragen wird. Situationen wie die oben genannte können im normalen Barcamp-Ablaufs deshalb überhaupt nicht vorkommen. Jemand, der aus welchem Grunde auch immer nicht am Thema interessiert ist, wird lieber die Session wechseln als die Stimmung der Interessierten und seine eigene negativ werden zu lassen. So sorgt das Barcamp-Format dafür, dass Lernen und Entwicklung (und dafür sind wir ja auf der Tagung) mit positiven Emotionen verbunden und damit zumindestens tendenziell nachhaltig ist.

Der Nachmittag verlief aufgrund der zeitlichen Verschiebung auch nicht wie geplant. Wir haben aus den vier anberaumten Sessions in zwei Räumen drei parallele Sessions in drei Räumen gemacht und so eine Stunde eingespart. Für mich bedeutete dies einerseits, dass meine eigene Session zum Thema "Interessen- und Selbstfindungs-Akademie" herausfiel, aber dafür konnte ich an einer anderen Session teilgeben, was sich als große Bereicherung erwies: Klopfakupressur bei Demenz und Alzheimer.

Es gab viele positive Rückmeldungen für das Barcamp als Tagungs- und Konferenzformat. Hier einige, die mir sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert hängen geblieben sind: "Ich fühle mich frisch und aktiv, nicht erschöpft wie sonst nach Konferenzen", "Die Freiheit, zwischen Themen wählen zu können war toll", "Ich konnte mit interessierten Personen über das reden, was mich persönlich interessiert", "Ich habe Mitstreiter für meine Sache gefunden". Ich glaube, dass ich nichts Falsches sage wenn ich behaupte, dass insgesamt unter den Anwesenden der Wunsch entstanden ist, auch auf der nächsten Jahrestagung ein Barcamp zu veranstalten.

Mein persönliches Fazit: Ich habe durchgehend aktive und engagierte Teilgeber erlebt, müsste echt überlegen, wem es nicht gefallen hat. Alle Sessions, die ich besucht habe, haben mir Neues und Interessantes gegeben und ich habe Leute kennengelernt, mit denen ich etwas Wichtiges mit-zu-teilen habe. Ich denke, wir können uns alle ermutigt fühlen, weiter zu forschen und uns auszutauschen. Ich bin total gespannt, was wir noch herausfinden und auf dem nächsten Barcamp und/oder anderswo thematisieren werden!

Ach ja: Die Twitter-Interessierten haben sich nicht abbringen lassen sondern lernförderliche Rahmenbedingungen abgewartet. Die fünf Neugierigen und medial Elektrifizierten formten sich am späten Abend spontan zu einer sehr lernfreudigen Gruppe. Während ich ein paar Lieder mit meiner Gitarre spielte kam die selbstorganisierte Twitter-Erforschungs-Gemeinschaft geschlossen und unter vielfachem Jubel zu einer authentischen, emotional positiv konnotierten "Ich-bin-drin-Erleuchtung" :-)

Berlin, 17. März 2013